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Georg von Breunig – Der „Bourbakische Internetkrieg“ ist zu Ende

von Redaktion am 30. November 2012

Im Herbst fallen die Blätter. Und die Einstein-Gegner. Am 22. September verstarb der Ingenieur und Patentanwalt Dr. Georg Alexander von Breunig, der sich Ende der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts unter seinem martialischen Kampfnamen „Georges Bourbaki“ aufmachte, um gegen den wissenschaftlichen Mainstream zu „rebellieren“. Der Scharlatan, Esoteriker und Pseudophysiker von Breunig wurde am 1. Oktober 2012 im Alter von 78 Jahren zu seiner letzten Ruhe geleitet und nach einer Feuerbestattung im Familiengrab der von Breunigs auf dem Alten Teil des Münchner Waldfriedhof beigesetzt.

Georg Alexander von Breunig, ca. 2006

Georg Alexander von Breunig, ca. 2006

Mit Georges Bourbaki verliert das Netzwerk der Einstein-Gegner die nach Gotthard Barth vielleicht schillerndste Figur der Szene. Mit Gotthard Barth verband ihn nicht nur eine persönliche Bekanntschaft sondern auch die Streitlust und die Eigenheit, die grossen Physiker des 20. Jahrhunderts, Einstein, Planck, Heisenberg und einige mehr, mit deftigen Bezeichnungen abzukanzeln. Für den Bourbaki (von Breunig pflegte seine gut eingeführte Wortmarke „Bourbaki“ immer mit dem bestimmten Artikel zu nennen) hatten sie alle einen „Schuss im Kopf“. Allesamt „Arschlöcher“, die für diesen ganzen „Beschiss“ mit der modernen theoretischen Physik verantwortlich waren. Und nicht nur das. Für ihn waren sie schuldig, den Untergang der Weimarer Republik und die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 verursacht zu haben. Einstein und Hitler seien die „gräßlichste Fehlbesetzung der Geschichte“. Kleine Brötchen zu backen, war nicht Bourbakis Sache.

Der „Bourbakische Internetkrieg“

Der „Bourbakische Internetkrieg“

Der von Breunig einseitig ihm Jahr 1997 erklärte „Bourbakische Internetkrieg“ wurde mit den schwersten Geschützen eingeleitet, in der felsenfesten Überzeugung, dass dieser Waffengang bis zur Jahrtausendwende zu einem totalen Umsturz der theoretischen Physik führen würde – mit dem Bourbaki als einem strahlenden Helden und Sieger. So würde die Zeitschrift Nature eingestellt werden und Nobelpreise nur mehr für das Schleifen bis dato etablierter und gut bestätigter Theorien vergeben werden.

Georg Alexander von Breunig wurde am 4. Mai 1934 in München als der Spross eines alten, gut situierten „deutsch-österreichischen Kleinadels“ geboren. Das berühmteste Mitglied der Familie war sein Grossvater Georg Ritter von Breunig, der es in den Kabinetten des Prinzregenten Luitpold von Bayern und dem letzten bayrischen König Ludwig III. zum Staatsminister der Finanzen brachte. Der spätere crackpot und „Welträtsellöser“ absolvierte zunächst ein Ingenieurstudium der Elektrotechnik, das er als Diplom-Ingenieur abschloss.
Im Anschluss hat er am „Institut für Tiefsttemperaturen“ in Grenoble promoviert und arbeitete als Zivilangestellter auch für das Naval Weapons Laboratory der US-Marine. Mitte der sechziger Jahre liess er sich zum Patentanwalt ausbilden. Neben diesem „durchaus bürgerlichen Beruf“ begab sich von Breunig auf eine recht „krummlinige“ biographische Reise. So zog er zunächst durch die Welt, um Land, Leute, Sprache und die Frauen kennen zu lernen.

Bestattung Georg von Breunig, München, Waldfriedfof

Bestattung Georg von Breunig, München, Waldfriedfof

In Lateinamerika faszinierten ihn die Linien der Nazca-Hochebene und so veröffentlichte der smarte Weltenbummler von Breunig 1980 in der venezolanischen Zeitschrift „Interciencia“ erstmals seine clevere Hypothese über deren Entstehung und Zweck. Natürlich unbelastet von jeglicher wissenschaftlichen Ausbildung in Archäologie.
Der damals populäre Hoimar von Ditfurth fand offenbar Gefallen an von Breunigs Einfall, dass es sich bei den Geoglyphen von Nazca um antike Sportstätten handle und stellte sie in der beliebten Sendereihe „Querschnitte“ im ZDF vor. Zumindest im Halbschatten des medialen Rampenlichts zu stehen, darauf wollte Georg von Breunig ab sofort nicht mehr verzichten. Er kam aber nur kurz in den Genuss der öffentlichen Aufmerksamkeit. Die Begeisterung für seine Hypothese schwand schneller als sie entstanden war. Sein Angebot an deutsche Verleger für eine Buchpublikation fand kein Interesse. Von Breunigs Reaktion darauf bereits damals: „Arschlöcher!“

„Der Sündenfall der Physik“, 1990

„Der Sündenfall der Physik“, 1990

Als neue, grössere Herausforderung beschloss Georg von Breunig nun, die gesamte theoretische Physik zu revolutionieren. Erstes Angriffsziel war kein Geringerer als der Albert Einstein. Wer sonst.
Die „komischen“ Relativitätstheorien und den ganzen Rest der modernen theoretischen Physik hatte von Breunig bis dahin nicht gekannt und auch später nie verstanden. Aber er machte sich nun in der Bibliothek der Technischen Universität in München an das Studium der Arbeiten von Einstein und anderen Physikern seiner Zeit, die in den Annalen der Physik und anderen Zeitschriften veröffentlicht worden waren. Nach gut zehn Jahren des „Herumstocherns in diesem Schrott“ hatte von Breunig bis Anfang des Jahres 1990 ein etwa tausendseitiges Manuskript mit seinen Belegen dafür erstellt, wie bescheuert diese theoretischen Physiker sind. Für ihn als Elektrotechniker war es dagegen völlig klar, dass es etwas geben musste, das den physikalisch leeren Raum erfüllt und auch ponderable Eigenschaften hat. Das konnte nur der althergebrachte Äther sein, der seit Aristoteles 2000 Jahre lang gute Dienste geleistet hatte. Dieser Äther als Denkhürde war für den Bourbaki unüberwindlich und bestimmte seine skurrilen Annahmem über die Natur der Dinge bis zu seinem Ableben. Vom Allerkleinsten bis zum Grössten, vom Atom bis zum Universum. Von Breunig war zunächst noch im naiven Glauben, sein Manuskript in einem anerkannten Verlag veröffentlichen zu können. Zu diesem Zweck nahm er Kontakt zum „Langen Müller Verlag“ mit Sitz in München auf. Ungeachtet der stark rechtskonservativen Ausrichtung, die der Verlag seinerzeit durch seine Dominanz in der „Ullstein-Gruppe“ unter der gemeinsamen Geschäftsführung von Herbert Fleissner ausübte, verlief das dubiose Projekt im Sande, die Veröffentlichung des „Sündenfalls der Physik“ wurde kurzerhand abgelehnt.

Bourbaki, Frankfurter Buchmesse, 1990

Bourbaki, Frankfurter Buchmesse, 1990

Dieses Ereignis war für Georg von Breunig prägend. Die Veröffentlichung seiner Hirngespinste konnte nur im Selbstverlag erfolgen und von Aktionen begleitet werden, die ein Minimum an Öffentlichkeit hervorbringen konnten. Er legte sich den Kampfnamen „Georges Bourbaki“ zu und veröffentlichte unter diesem Pseudonym eine Reihe weiterer Schriften in seinem von ihm nun selbst gegründeten „Aether-Verlag“.
Blöd waren nur die Anderen, nicht der Bourbaki. Als naturwissenschaftlicher Geisterfahrer blieb er unbeirrt auf Kurs. Das Pseudonym „Georges Bourbaki“ wählte er, weil die Initialen „G. B.“ mit seinem realen Namen übereinstimmten und weil sie die Anfangsbuchstaben des 1600 am Campo de’ Fiori wegen Ketzerei und Magie hingerichteten Giordano Bruno waren. „Jetzt erst recht“ war das Motto des Bourbaki, der sich in der Rolle des Märtyrers gefiel. Wer verfolgt und unterdrückt wird, muss Recht haben. „Viel Feind, viel Ehr“, sagt der Volksmund. Im Fachjargon ist das als „Galileo-Gambit“ bekannt.

Das Bourbakische Erstlingswerk „Der Sündenfall der Physik“ erschien 1990 also im Selbstverlag. Der „Sündenfall“ war trotz der Werbung anlässlich der Frankfurter Buchmesse 1990 ein klassischer Flop. Der Bourbaki baute vor dem Eingang der Messehalle seinen Tapeziertisch auf, verteilte Flugzettel und schnitt mit der Schere Einstein die Zunge ab – zum Glück nur symbolisch am Plakat. Das half alles nichts, er blieb auf seinen Büchern sitzen. Die Bitte vom Bourbaki an den Polizeipräsidenten von Frankfurt, ihm einen Schützenpanzer zu leihen, konnte nicht erfüllt werden, da der Frankfurter Polizei ein solcher nicht zur Verfügung stand. Am Misserfolg des Buches war der fehlende Panzer nicht schuld, zu den vom Bourbaki erwarteten Übergriffen gegen den „Physikrebell“ (wie er sich selbst sah) ist es nicht gekommen. Er wurde einfach nicht beachtet und musste sich mit nahezu der gesamten Auflage von 3000 Exemplaren des „Sündenfall“ aus Frankfurt zurückziehen.

Barth: „Der Sündenfall der Physik“, 1991

Barth: „Der Sündenfall der Physik“, 1991

Aus der äusserst schmerzhaften Niederlage dieses Misserfolgs gewann Bourbaki Gefallen an Aktionsformen, die als eine Art „Happening“ zu der ihm eigenen Form des Strassenkampfs führte. Und so bestellte von Breunig für seinen nun totalen „Internetkrieg“ bereits eine Webpräsenz, als die meisten Einstein-Gegner noch in den unwirtlichen Höhlen ihres subversiven Untergunds vor ihren Schreibmaschinen hockten. Durch die Aktion auf der Frankfurter Buchmesse 1990 erlangte Bourbaki damals einen gewissen Bekanntheitsgrad in der einschlägig aktiven Szene. Bereits im Vorfeld der Aktion auf der Frankfurter Buchmesse hatte der Münchner Patentanwalt Kontakt zum Patentamtsangestellten Ekkehard Friebe aufgenommen. Am 4. Februar 1990 traf er sich mit Friebe in dessen Münchner Wohnung, um weitere „relativitätskritische Literatur“ genannt zu bekommen. Das war des Bourbakis Eintritt in das Netzwerk der sich in Selbstsicht benannten „Physikdissidenten“. Obwohl die Aktion in Frankfurt und der „Sündenfall“ ein totaler Reinfall waren, war der Bourbaki nun beflügelt.

Marinov: „Die Hin-Krieger“, 1997

Marinov: „Die Hin-Krieger“, 1997

Fortan traf er persönlich weitere Aussenseiter der Wissenschaft und besuchte gemeinsam veranstaltete „Kongresse“. Im Jahr 1991 war er bereits mit Gotthard Barth in dessen Exil im abseitigen Grenzort Zwingendorf zusammengekommen, worauf dieser eine Buchbesprechung in seiner Zeitschrift „Wissen im Werden“ veröffentlichte. Auf dem alternativen Kongress „Cartesio e la scienza – Descartes and Scientific Thought“ im italienischen Perugia vom 4.-7. September 1996 durfte der Bourbaki bereits zwei Referate halten und traf Stefan Marinov, der bereits 1992 erstmals über Bourbakis „Sündenfall“ berichtete. Auch dieser Kontakt gipfelte 1997 in einer Bewerbung der neuen Schrift von Breunig, das Nachverwertungsprodukt „Die Hin-Krieger“, in der Marinov-Postille „Deutsche Physik“. Die „Hin-Krieger“ erschienen 1996 ebenfalls in von Breunigs Selbstverlag. Bereits 1993 hatte der Bourbaki eine weitere Schrift verfasst, die über die Verteilung als Typoscript in wenigen Exemplaren nicht hinauskam. Der „Äther im Wattebausch“ gliederte sich nahtlos in seine bereits bekannten Phantasien ein.

„Die Hin-Krieger“, 1996

„Die Hin-Krieger“, 1996

So richtig warm wurden weder der Bourbaki noch seine neuen Freunde miteinander. Der eigenbrötlerische Bayer hatte einen bonvivanten Stil und sture Ansichten, die trotz seiner intellektuellen Abreicherungen und deren theoretischer Reichweite nicht unmittelbar zu den anderen alten Grantlern passen wollte. Den militanten Nichtraucher Peter Ripota brachte der Bourbaki gegen sich auf, als er bei einem gemeinsamen Abendessen in Georg von Breunigs Münchner Wohnung eine Zigarette entzündete. Gotthard Barth dagegen kritisierte in seiner Rezension des „Sündenfall“ Bourbakis klassische „Äther-Präferenz“ auf der Grundlage seiner eigenen, völlig absurden „Lichttheorie“. Der Bourbaki nahm jedoch davon unbeeindruckt erprobte Agitationsmittel auf, um sie gegen die akademische Wissenschaft einzusetzen, entwickelte sie für sich in eigene Formen und setzte in seinem „Krieg“ auch mit konventionellen Mitteln so manches Ausrufezeichen, deren Performance selbst viele Jahre später von anderen Einstein-Gegnern trotz vieler Mühen nicht ähnlich spektakulär reproduziert werden konnten: Belästigung von Wissenschaftlern, Beschwerden bei Dienstaufsichtsbehörden und Missbrauch der Justiz durch Anzeigen ins Fadenkreuz geratener Wissenschaftler und akademischer Institutionen.

Zielbewusst schaltete sich von Breunig in einen schwelenden Konflikt ein, der zwischen dem DPMA-nahen Verein Deutsche Aktionsgemeinschaft Bildung – Erfindung – Innovation (DABEI e.V.) und seinen Usurpatoren Ekkehard Friebe und Wolfgang Schmidt, seinerzeit Repräsentanten des „Internationaler Verein zur Förderung der Randwissenschaften e. V.“ in Hannover, einem direkten Vorläufer der GfWP, einer organisatorischen Entscheidung harrte. Bourbaki nahm diesen Krieg als „dual role fighter“ auf. Da die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) als vehementester Kritker gegen die feindliche Übernahme von DABEI e. V. durch diese antiwissenschaftlichen „cranks“ auftrat, munitionierte der Patentanwalt von Breunig Wolfgang Schmidt mit einer Reihe juristisch halbseidener Ratschläge auf und zeigte schliesslich selbst die DPG unter Denunziation der „Bildung einer kriminellen Vereinigung“ im September 1991 bei der Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe an.

„jo so sann's“ - Anzeige gegen die DPG

„jo so sann’s“ – Anzeige gegen die DPG

Der Bourbaki war sich dabei nicht zu schade, eine auch durch Ekkehard Friebe kolportierte Verschwörungstheorie zu reanimieren, der zufolge der Organisator des „Kongreß für Relativität und Gravitation“ im Deutschen Museum zu München (1988), Emil Andrej Maco, offenbar durch „Todesschwadronen“ der etablierten akademischen Physik gemeuchelt worden sei. Selbstverständlich wurde diese absurde Anzeige des Bourbaki durch die Justiz dahin befördert, wo sie hingehört: ins archivarische Kuriosenkabinett. Da half es auch nichts, dass Georg von Breunig diese ganze Angelegenheit in einer „Dokumentation on Demand“ für 98,50 Deutsche Mark vorhielt. Der Plan B dieser Bourbaki-Aggression gipfelte in der Beglückung der DABEI-Mitglieder mit seinem pseudophysikalischen Machwerk „Der Sündenfall der Physik“. Die Reaktionen waren vernichtend. Die Nobelpreisträger Klaus von Klitzing und Rudolf Mößbauer reagierten mit eindeutigen – und heute von hochrangigen Physikern oft vermissten – klaren Ansagen:

Sehr geehrter Herr Bourbaki,
Ihren Brief und Ihren Sündenfall an der Physik habe ich erhalten. Ich habe mich darauf entschlossen, meine Ehrenmitgliedschaft bei DABEI abzulegen, da ich kein Interesse habe, weiterhin Anlaufstelle für verfolgte Genies zu sein, die ihre Weisheiten nur durch Veröffentlichungen im Selbstverlag verbreiten können. Ich bin der Meinung, daß jede seriöse wissenschaftliche Idee eine Chance hat, in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht oder auf Tagungen präsentiert zu werden.

Mit freundlichen Grüßen
Prof. Dr. K. v. Klitzing

Sehr geehrter Herr Bourbaki,
im Auftrag von Herrn Professor Mößbauer sende ich Ihnen in der Anlage Ihre Unterlagen zurück. Nach Mitteilung von Herrn Professor Mößbauer enthalten Ihre Unterlagen Unsinn. Sie werden sicherlich verstehen, daß sich unser Institut aufgrund zahlreicher Zuschriften nicht mit Themen detailliert auseinandersetzen kann, die weitab von unserem Arbeitsgebiet liegen.

Hochachtungsvoll
i.A. Claudia Strauß
Sekretariat
R. L. Mößbauer

Etwas formal freundlichere Absagen erhielt der Bourbaki von Hans-Peter Dürr („[…] daß ich keine Zeit habe, mich mit Ihrem Papier auseinanderzusetzen. […] nach Diktat verreist“) und von Carl Friedrich von Weizsäcker („Ich verstehe daher sehr gut, daß die wissenschaftlichen Zeitschriften einen Text wie den Ihren heute nicht mehr nehmen.“) Im Jahr 2003 nahm sich Gerhard W. Bruhn von Breunig vor und widerlegte unter dem Titel „Bourbaki contra Newton“ dessen Hirngespinste zur klassischen Mechanik.

„Verlag Kritische Wissenschaft“ und „ARGO-Verlag“

„Verlag Kritische Wissenschaft“ und „ARGO-Verlag“

Bei aller Distanz, der Bourbaki zu seinen Mitstreitern zeitlebens mit seinen notgeborenen Mitstreitern ausgesetzt war, solche Aktionen beeindruckten und er war im Netzwerk der Einstein-Gegner gesetzt. Georg von Breunig bekam auch Zugang zu dem seit den 1970er Jahren als rechtsradikales Urgestein bekannten Esoteriker und Verleger Hans Kaegelmann, der die sogenannte Internationale Gesellschaft für interdisziplinäre Wissenschaft e.V. (INTERDIS) straff anführte. Möglicherweise über deren damaligen Vertreter bzw. „Regionalrepräsentanten für Deutschland“ Ekkehard Friebe. Es existieren Berichte, dass Bourbaki seine Schrift „Die Hin-Krieger“ unter die Obhut des „Verlag Kritische Wissenschaft“ von Kaegelmann gegeben hatte. Dafür spricht auch, dass die Werke des Bourbaki für die in diesem Windecker-Verlag in Kooperation mit dem ebenfalls in der rechtextremen Szene angesiedelten „ARGO-Verlag“ von Ingrid Schlotterbeck herausgegebene Buchreihe „Was von moderner Physik bleibt und fällt.“ vorgesehen waren. Der Bourbaki war für die Bände 2 und 5 des urprünglichen achtbändig geplanten Gemeinschaftswerks der organisierten Einstein-Gegner einsortiert. Das Projekt kam über die Bände 1 und 3 jedoch nie hinaus. Der individuelle und kollektive Odem der Herausgeber und beteiligten Autoren war dann doch schon zu knapp geworden. Es sollte nicht das letzte Projekt sein, das dem Sensenmann zum Opfer fiel.

Nach „Die Hin-Krieger“ war Bourbakis öffentliches und publizistisches Engagement gegen die moderne Physik zunächst beendet. Künftig versuchte Georg von Breunig den für ihn vermeintlich leichteren Weg, pseudophysikalischen Unsinn über Patentanmeldungen zu hinterlegen. Aber auch dieser ihm beruflich ebene Pfad führte zu Konflikten, diesmal mit dem Deutschen Patent- und Markenamt. Aus diesem Patentkrieg wurde der Bourbaki durch ein weiteres Ereignis befreit. Vom 26.-28. Mai 1999 war der Bourbaki auf dem Aussenseiter-Kongress „Galileo Back in Italy II“ in Bologna wieder unter seinesgleichen und nahm eine weitere Weichenstellung in seinem Leben vor.

Abwurfaktionen vom „Alten Peter“

Abwurfaktionen vom „Alten Peter“

In Perugia und Bologna lernte der Münchner Patentanwalt damals den griechischen Mathematiker und Scharlatan Panagiotis „Panos“ Pappas und sein esoterisches „PAPIMI-Induktionstherapiegerät“ kennen. So erweiterte der Bourbaki ab etwa 2000 sein Engagement auf pseudomedizinische Themen und übernahm den Vertrieb der „Induktionstherapiegeräte“ in Deutschland. Ein Engagement, das ihm letztlich keine Freude bereitete. Panos hatte dem irrational total verblendeten Aussenseiter das Vorführgerät für den halben Kaufpreis von 20.000 € nach München fahren lassen. Aufgrund der fehlenden CE-Zulassung für die importierte griechische „Wunderwaffe“, die gegen einen ganzen Katalog schwerer und schwerster Krankheiten wundersame Hilfe versprach, zerrte das Gewerbeaufsichtsamt den Bourbaki vor Gericht. Er kam erneut mit einem blauen Auge davon und blätterte die verordneten Tagessätze bar auf den Pult der Richterin. Dennoch war er froh, den Vertrieb der Pappas-Produkte alsbald weg, nach Österreich abschieben zu können. Das Verhältnis zu Pappas mutierte für den Bourbaki schliesslich in einen wahren „Griechenlandkrieg“. Die „Greek Connection“ beschäftigte den Bourbaki indes über das missglückte Verhältnis mit Pappas hinaus intensiv. Mit dem Wahlspruch des Krebsheilers „Dr. Thonopoulos“ versorgt, stieg der Bourbaki am 15. Juli 2000 zur Aussichtsplattform des „Alten Peter“ hinauf und liess Zettelchen mit der Aufschrift seiner Website und dem Slogan „Cancer is Over“ in die umliegenden Strassen und Plätze flattern. Eine zweite Abwurfaktion vom Petersbergl, in der er krebskranke Frauen mit den Opfern des Holocaust gleichsetzte, ging gründlich schief. Er wurde festgenommen, musste seine Flugblätter aufsammeln und auf die Wache mitkommen. In der Folgezeit driftete der Bourbaki immer mehr in pseudomedizinische Scharlatanerien ab, die in seinem Buch „Regenerationsmedizin“, das 2006 in seinem „Aether-Verlag“ publiziert wurde, ihren Höhepunkt fanden.

Familiengrab der von Breunigs, Waldfriedhof Alter Teil - Credit: Benno von Breunig

Familiengrab der von Breunigs, Waldfriedhof Alter Teil – Credit: Benno von Breunig

Im Jahr 2012, kurz vor seinem Tod, positionierte sich der Bourbaki noch einmal gegen die theoretische Physik. Im Themenheft „Die Weisheit des Kosmos“ von raum&zeit präsentierte er im Beitrag „Urknall adé“ alternative astrophysikalische und kosmologische Konzepte. In Wahrheit jedoch nur eines, sein Lieblingskonzept, den Äther. Der war, als Bonmot zum Abschluss und vom Bourbaki zitiert, auch verantwortlich für die fatale Fehlsichtigkeit des Hubble Space Telescope.

Am 24. April 1990 bugsierte eine amerikanische Space-Shuttle das mit einem Aufwand von etwa 2 Milliarden US-Dollar konstruierte Hubble-Raumteleskop in eine erdnahe Umlaufbahn […] Nach wochenlangen Justierarbeiten stellte es sich dann allerdings heraus, daß das Raumteleskop nicht in der gewünschten Weise fokussiert werden kann […]. Da entsprechend den Messungen von Miller da draußen bereits ein ganz gehöriger Ätherwind zu erwarten ist und zudem das Raumteleskop bei seinem Flug um die Erde eine Geschwindigkeit von etwa 7 km/sek besitzt, ist diese mangelnde Fokussierbarkeit mit ziemlicher Sicherheit auf einen Einfluß des vorhandenen Ätherwindes zurückzuführen. […] Da die Herren Physiker diesen Äther aber vor 80 Jahren abgeschafft hatten, konnte ein derartiger Einfluß natürlich nicht berücksichtigt werden. Die Entwicklungskosten dieses Raumteleskops von etwa 2 Milliarden US-Dollar müssen somit wohl in den Wind geschrieben werden – in den Ätherwind versteht sich natürlich! Für die NASA wäre es billiger gewesen, wenn sie in dieser Sache zuvor bei George Bourbaki angefragt hätten.
(„Der Sündenfall der Physik“, 1990, pp. 51-52)

Und so endete der Boubaki dort, wo er dreissig Jahre zuvor begonnen hatte. Ein halbes Leben, in dem es Georg Alexander von Breunig, alias „Georges Bourbaki“, nicht gelungen ist, das für ihn zu enge Korsett der Spulen und Kondensatoren seiner praktischen Elektrotechnik zu überwinden und die moderne Physik zu verstehen. Mit seinem Tod im September 2012 endete der engagiert und beherzt geführte „Bourbakische Internetkrieg“, der für ihn nie zu gewinnen war. Insofern tröstlich, als ihm die Konfrontation mit weiteren peinlichen Niederlagen erspart geblieben ist. Auch dass sein jüngster Bruder, Benno Carl Giselher von Breunig, auf e-bay seine Bücher und damit sein Lebenswerk versteigern wollte, um es der Nachwelt erhalten zu können, aber keinerlei Gebote erhielt.

Ruhe in Frieden, Georges Bourbaki.

Nachtrag vom 25.12.2012: Sterbedatum präzisiert, aufgrund des freundlichen Hinweises durch Benno von Breunig in privater Kommunikation.

Nachtrag vom 25.01.2013: Bild von Bourbakis letzter Ruhestätte im Familiengrab der von Breunigs auf dem Alten Teil des Münchner Waldfriedhof (132-W-10) ergänzt. Bild: Benno von Breunig, mit freundlicher Genehmigung.

  • Diskutiere mit anderen Benutzern über Georg von Breunig und das Ende des „Bourbakischen Internetkriegs“ im Forum Alpha Centauri

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53 Kommentare | Kommentar schreiben
 
  1. #51 | Martin Raible | 14. November 2017, 18:04

    Noblinski schrieb am 14. November 2017, 10:07:

    Martin Raible schrieb am 13. November 2017, 16:55:

    Die Paradoxa der SRT sind Scheinwidersprüche…

    Lieber Dr. Raible – bitte schreiben Sie mir zwei allgemein verständliche Sätze dazu auf, warum das sonst so oft bemühte relativistische Additionstheorem für die Geschwindigkeiten von Molekülen in Gasen nicht angewendet werden darf. Oder warum man „spezielle“ Thermometer verwenden muss, um die Temperatur zweier relativistisch zueinander bewegter Systeme zu vergleichen? Dann gebe ich Ihnen vielleicht umgehend recht und gut isses.

    Davon habe ich noch nie was gehört, was Sie da behaupten.

    Diesen Kommentar: Zitieren
  2. #52 | Redaktion | 15. November 2017, 00:55

    Noblinski,

    Noblinski schrieb am 14. November 2017, 09:59:
    Ach wissen Sie, wenn jemand mich aufklären möchte

    von Ihnen kann man nichts anderes erwarten. Es wird wieder einmal Zeit, Sie daran zu erinnern, Ihre eigene Webseite aufzubauen. Sie werden sehr viele Gleichgesinnte um sich scharen.

    Beste Grüsse
    RelativKritisch Redaktion

    Diesen Kommentar: Zitieren
  3. #53 | Martin Raible | 17. November 2017, 17:54

    Martin Raible schrieb am 14. November 2017, 18:04:

    Noblinski schrieb am 14. November 2017, 10:07:

    Martin Raible schrieb am 13. November 2017, 16:55:

    Die Paradoxa der SRT sind Scheinwidersprüche…

    Lieber Dr. Raible – bitte schreiben Sie mir zwei allgemein verständliche Sätze dazu auf, warum das sonst so oft bemühte relativistische Additionstheorem für die Geschwindigkeiten von Molekülen in Gasen nicht angewendet werden darf. Oder warum man „spezielle“ Thermometer verwenden muss, um die Temperatur zweier relativistisch zueinander bewegter Systeme zu vergleichen? Dann gebe ich Ihnen vielleicht umgehend recht und gut isses.

    Davon habe ich noch nie was gehört, was Sie da behaupten.

    Ich warte auf genaue Erläuterungen und Belege.

    Diesen Kommentar: Zitieren

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