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Wostok und Columbia – Erinnerungsgründe zum 12. April

von Redaktion am 12. April 2011

Der 12. April 2011 ist ein bewegender Gedenktag der bemannten Weltraumfahrt. Vor 50 Jahren startete Jurij Alekseevič Gagarin an Bord der Wostok 1 zum ersten Flug eines Menschen in den Weltraum. Der Orbitalflug des sowjetischen Kosmonauten überwand die letzte fundamentale Grenze in der langen Geschichte der Entdeckungsreisen. Diesem Ereignis wird heute zurecht ausführlich gedacht. Die Erdumkreisung Gagarins ist nicht nur ein Triumph der Ingenieurskunst, sie ist vor allem ein Alleinstellungsmerkmal des Strebens der Menschen, ihre evolutionär erreichte Entwicklung gegen bestehende Hemmnisse zu revolutionieren. Der Sprung in den unwirtlichen Raum jenseits der wärmenden Atmosphäre unseres blauen Planeten war ein Kind des Kalten Kriegs, der extremen Konfrontation der nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen ersten beiden globalen Supermächte. Im Schatten dieses Erinnerns steht der 12. April 1981, an dem mit der „Columbia“ das erste amerikanische Space Shuttle zu seinem Jungfernflug aufbrach.

Space Shuttle Columbia (OV-102) am Launch Pad 39A KSC, 12. April 1981, Quelle: NASA

Space Shuttle Columbia (OV-102) am Launch Pad 39A KSC, 12. April 1981, Quelle: NASA

Gagarins Weltraumflug, der ihn nach 108 Minuten und einer Erdumkreisung wieder auf den Boden zurückbrachte, war die konsequente Fortführung des Führungsanspruchs bei der Eroberung des Weltraums, den die UdSSR mit dem Start des Sputnik im Jahr 1957 bereits eindrucksvoll begründet hatte. Die USA, ebenfalls siegreich, aber völlig unzerstört aus dem Weltbrand hervorgegangen, den Nazi-Deutschland entfacht hatte, war ein weiteres Mal auf die Plätze verwiesen worden. Die Amerikaner zogen nach und düpierten die Sowjetunion schliesslich im „Wettlauf zum Mond“. Als Neil Amstrong im Juli 1969 den Mond betrat, hatte sich der Systemkonflikt der Supermächte in der bemannten Raumfahrt bereits entspannt. Die Sowjetunion konnte der technologischen Überlegenheit der USA nichts mehr entgegensetzen und stellte ihre Pläne für eine bemannte Mondmission nach katastrophalen Rückschlägen mit der Trägerrakete N1 ein. In den folgenden Jahren ging man getrennte Wege. Die UdSSR konzentrierte sich frühzeitig auf bemannte stationäre Weltraumstationen in einem erdnahen Orbit. Diese Option wurde durch die USA bis auf einen singulären Versuch mit „Skylab“, der bis zur Vollendung der „Mir“ grössten Weltraumstation, nicht stringent verfolgt. Mit dem „Apollo Sojus Test Projekt“ (ASTP), dem ersten gemeinsamen Raumflug der beiden Supermächte im Jahr 1975, verbrauchten die USA die letzte Hardware aus dem „Apollo Programm“. Die Amerikaner verabschiedeten sich nach diesem ersten kooperativen Event der unversönlichen Rivalen für sechs Jahre aus der bemannten Weltraumfahrt. Sie hatten anderes im Sinn. Das Space Shuttle Programm war geboren.

30 Jahre Space Shuttle, Quelle: NASA/Blake Dumesnil

30 Jahre Space Shuttle, Quelle: NASA/Blake Dumesnil

Das Space Shuttle ist ein integriertes Space Transportation System (STS), das ab Anfang der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts projektiert, entwickelt und operativ genutzt wurde. Das Shuttle war als revolutionäres Projekt geplant. Es war multifunktionsfähig, gegenüber den bisherigen Transportsystemen der Weltraumfahrt erstmals in wesentlichen Komponenten wiederverwendbar und es sollte, ähnlich dem Entwicklungspfad der Luftfahrt, eine kommerzielle, sichere und kostengünstige Erschliessung des erdnahen Raums erschliessen. Auch wenn dieses neuartige Raumschiff zu dem komplexesten Fluggerät wurde, das die Menschheit je gebaut hat, erfüllte es zumindest seine technischen Spezifikationen. In der Vision, einen neuen, alltäglichen Zugang in den Weltraum zu schaffen, versagte das Space Shuttle. Weder wurden die Kostenziele für die kommerzielle Beförderung von Nutzlast noch die ursprünglich geplanten Startsequenzen erreicht. Dazu haben auch die beiden Totalverluste der Orbiter „Challenger“ und „Columbia“ mit 14 toten Astronautinnen und Astronauten beigetragen. In Folge dieser beiden Katastrophen blieben die Shuttles insgesamt fünf Jahre mit einem Startverbot belegt. In der Post-Challenger-Ära änderte sich das Nutzungsprofil der Raumfähren. Sie wurden komplett aus dem zivilen Geschäft für Satelliten-Starts zurückgezogen. Nach dem Columbia-Unglück wurde die Einmottung des gesamten Programms bis Ende 2010 beschlossen. Mit dem Aufbau der International Space Station (ISS), bekamen die amerikanischen Weltraumfähren ihre letzte und wahrscheinlich erstmals konsistente Bestimmung. Sie waren die Arbeitspferde beim Aufbau des übernationalen menschlichen Aussenpostens im erdnahen Orbit. Mit den verbleibenden Missionen STS-134 (Endeavour) und STS-135 (Atlantis) ist diese Aufgabe abgeschlossen und die Space Shuttles werden nie wieder die Erde verlassen.

STS-1: Erststart des Space Shuttle Columbia (OV-102), 12. April 1981, Quelle: NASA

STS-1: Erststart des Space Shuttle Columbia (OV-102), 12. April 1981, Quelle: NASA

Wenn die Menschen heute weltweit den Vorstoss Gagarins in den Weltraum feiern, z. B. auf den vielen Veranstaltungen und Events der Yuri’s Night, werden sie eher still von den Space Shuttles Abschied nehmen. Die Situation ähnelt jener von 1972, als das „Apollo Programm“ beendet wurde.
Für die USA bedeutet dieser Schritt, dass sie für eine unabsehbare Zahl von Jahren ohne ein eigenes Trägersystem für ihre Astronautinnen und Astronauten auskommen müssen. So kehrt die Situation wieder, dass Russland als einziges Land bemannte Raumfahrt in den nahen Erdorbit durchführen wird. Diesmal allerdings zu einer Internationalen Raumstation (ISS), deren Betrieb bis in das Jahr 2020 aufrecht erhalten werden soll.
Die Aufgabe des „Constellation-Programm“ durch den amerikanischen Präsidenten Barack Obama hat die bis dahin gültigen Visionen für die bemannte Weltraumfahrt konsequent zurecht gestutzt. Die Neuausrichtung der amerikanischen Weltraumpolitik, die bemannte Raummissionen als Dienstleistung der Privatwirtschaft und die Grundlagenforschung in neue Technologien ins Zentrum stellt, hat zwar Charme, bleibt aber in ihren Ansätzen äusserst vage. Da auch die internationalen Partner und Konkurrenten wie Russland, Europa, China und Indien bisher nur sehr grobe Blaupausen für ihre eigenen Ambitionen vorgelegt haben, ist es nicht unvorstellbar, dass die bemannte Raumfahrt für die nähere Zukunft bereits ihren Höhepunkt überschritten hat.

50 Jahre nach Gagarins Raumflug ist auch die Frage wieder offen, ob bemannte Raumfahrt ein Wert an sich und ein Ziel ist. Sicher ist, dass diese Projekte erhebliche Ressourcen beanspruchen und die messbaren Erfolge undeutlich sind. Missionen dieser Art haben aber immer einen hohen impact auf die technische Entwicklung und die gesellschaftliche Orientierung gegenüber den Naturwissenschaften gehabt. Der Berufswunsch, Astronautin oder Astronaut zu werden (auch wenn er nicht zu spät erfolgen sollte) oder die Bereitschaft, sich ingenieurs- oder naturwissenschaftlichen Studien zu verpflichten, waren Synonyme für den spin off der Mondexpeditionen mit Apollo. Bemannte Raumfahrt ist ein Mittler zwischen den „Two Cultures“ und Motor der Wissenschaftskommunikation. Vor allem ist sie aber eine kulturelle Leistung der Menschen, die ein immens starkes Signal aussendet, sich nicht mit ihrem scheinbar gottgegebenen Schicksal abzufinden, sondern Grenzen überwinden und zu neuen Welten aufbrechen zu wollen.

Eines fernen Tages, an dem unsere nachdenklichen Sätze von heute eher banal erscheinen werden, wird das eine konkrete Notwendigkeit werden. Wenn die Menschheit, sofern sie dann noch existieren sollte, von ihrem sich aufblähenden Heimatstern fliehen muss.

  • Diskutiere über die „Wostok und Columbia“, die Jubiläen und die bemannte Raumfahrt im Forum Alpha Centauri!

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2 Kommentare | Kommentar schreiben
 
  1. #1 | Blog-Teleskop#73 | TaunusBlogger | 17. April 2011, 18:24

    […] 12. April neben dem Jahrestag des Fluges von Gagarin, auch der 30. Jahrestag des ersten Fluges der amerikanischen Space Shuttles Columbia ist, welches leider am 1.02.2003 verunglückte. Gelöst scheint nun auch die sogenannte Pioneer […]

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  2. […] 30 Jahren geht das Shuttle-Programm zu Ende. Es war, wie man weiss, letztendlich zu teuer, zu komplex und zu unsicher, wie die […]

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